Von der Hilflosigkeit zur Selbsthilfe

Angehörige in Angst und Verunsicherung

Der Einbruch einer psychischen Erkrankung verunsichert und ängstigt alle im Umkreis Lebenden zutiefst. Ein bis dahin "berechenbar" gewesener, vertrauter Mensch verändert sich plötzlich oder schleichend, die Kommunikation gelingt nicht mehr. Doch wer selbst verunsichert ist, kann einem Verunsicherten nicht helfen und gerät in Gefahr, in das Chaos der Orientierungslosigkeit hineingezogen zu werden. Sachliche Information über das Wesen der psychischen Erkrankungen, Ursachen, Behandlungsmöglichkeiten, finanzielle Absicherung und grundlegende Regeln für den Umgang mit psychisch Erkrankten schaffen erste Orientierung.

Angehörige als "hilflose Helfer"

Wenn das Denken, Verhalten und oft die gesamte Persönlichkeit eines geliebten Menschen fremd werden, ist das mit schweren Enttäuschungen im Beziehungsleben und vor allem mit dem Verlust einer gewohnten "Normalität" verbunden. Der eigene Schmerz darüber macht das Wahrhaben-Können der Erkrankung schwer. Der Wunsch, dass alles wieder so werden möge wie vorher, führt oft zu selbstloser Aufopferung, Übernahme übermäßiger Verantwortung und dadurch aber auch zur Verstärkung der Hilflosigkeit des Erkrankten. Wenn es „mir nur dann gut gehen kann/darf, wenn es dem Erkrankten auch gut geht“, muss alles investiert werden, damit der Betroffene möglichst schnell wieder gesund wird – ein Teufelskreis, in dem die eigenen Grenzen und die Grenzen (und vor allem auch Fähigkeiten!) des Erkrankten nicht mehr wahrgenommen werden und der zu vielen fehlschlagenden Hilfsversuchen und nicht selten zu "Burn-Out" (Ausgebrannt-Sein), Ohnmacht und Resignation führt.
Die Psychiatrie hat – historisch betrachtet – schwere Verfehlungen an Angehörigen begangen. Sie wurden als vermeintlich Schuldige an der Erkrankung auf die Anklagebank gesetzt, als bloße Informationslieferanten benutzt, als "Opfer" ihrer Handlungsfähigkeit beraubt – oder einfach als "Lästige" ignoriert. Der Schwerpunkt der psychiatrischen Versorgung verlagert sich immer mehr in den ambulanten Bereich, psychisch erkrankte Menschen leben entweder zu Hause oder brauchen/suchen Unterstützung bei den vertrauten Bezugspersonen in Familie und Freundeskreis. Das Einbeziehen der Angehörigen in die Behandlung wird immer selbstverständlicher, doch nach wie vor werden viele Angehörige mit ihren Sorgen allein-gelassen und es wird unterschätzt, dass unterstützte und informierte Angehörige zu kompetenten Bündnispartnern im Gesundungsprozess des psychisch Erkrankten werden können.

Angehörige bauen Brücken

Angehörige brauchen Raum, Zeit und verständnisvolle Begleitung, damit sie ihre eigenen Gefühle wie Trauer, Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühle aber vor allem auch Wut und Zorn wieder wahrnehmen können. Dieser Schritt zu sich selbst ermöglicht oft erst die gezielte Auseinandersetzung damit, welche Art von Hilfe wirklich hilfreich ist. Der psychisch Erkrankte braucht ein Gegenüber, das sich seiner inneren Not, die sich durch Krankheitszeichen und Schutzverhalten äußert, verständnisvoll nähern kann. Gleichzeitig sind konsequent und liebevoll gesetzte Grenzen für den Betroffenen eine wertvolle Orientierungshilfe, lernt er doch durch die Grenzen des anderen seine eigenen besser kennen. Einfühlungsvermögen und sorgsamer Umgang mit eigenen und fremden Möglichkeiten und Grenzen schaffen die Basis für heilsame und ehrliche Beziehungsgestaltung.