home
news
links
hpe
Ursachen

Was könnten die Ursachen psychischer Krankheiten sein?

Es ist bisher nicht gelungen, für psychische Erkrankungen eine spezifische Ursache – sei diese körperlicher, psychischer oder sozialer Art, allein verantwortlich zu machen. Sicher scheint daher zu sein, dass psychische Krankheiten nicht auf eine einheitliche Verursachung zurückzuführen sind, sondern dass mehrere Faktoren in einer komplexen Wechselwirkung bei der Entstehung dieser Krankheiten zusammenspielen.
Alle einfachen Erklärungsmodelle nach dem Ursache-Wirkungs-Schema: "Weil das so war, ist dieser Mensch krank geworden" sind schlichtweg falsch und führen oft zu ungerechten Schuldzuweisungen. Das Bedürfnis, eindeutige Lösungen für so rätselhafte und oft belastende Phänomene, wie es psychische Erkrankungen sind, zu finden, ist menschlich nachvollziehbar, wird aber der Vielfalt und Komplexität menschlichen Erlebens nicht gerecht.
Trotzdem haben sich die Forschungsanstrengungen der letzten Jahrzehnte gelohnt, denn viele Annahmen, Vorurteile und Mythen über die Ursachen psychischer Erkrankungen konnten wissenschaftlich widerlegt werden.

Psychische Erkrankungen sind bio-psycho-soziale Erkrankungen.

Erbeinflüsse bestimmen ganz allgemein die Anlagen eines Menschen (Aussehen, Begabung usw.), daher nimmt man auch an, dass bei psychischen Erkrankungen genetische Faktoren im Sinne erhöhter Sensibilität und Verletzlichkeit eine Rolle spielen. Diese Veranlagung alleine ist aber noch keine Krankheit.
Natürlich ist die frühe Kindheit eines Menschen für das Verständnis psychischer Störungen wichtig. Für die meisten Menschen ist die Familie der Ort der ersten prägenden Erfahrungen und die ersten Bindungen und Enttäuschungen haben ohne Frage Einfluss auf unsere psychische Entwicklung. Damit ist aber keinesfalls eine Schuldzuweisung an die Eltern gemeint, denn diese ist nicht nur ungerecht, sondern vermehrt vielmehr Schmerz und Leid und ist auch falsch. Es ist immer zu bedenken, dass alle Eltern auch Kinder waren/sind, und oft auch weitergeben, was sie selbst erfahren haben.
Thekla Weihs, selbst an einer psychischen Störungen leidend, formuliert das treffend: "Wir alle sind als Menschen fehlbar und können unseren Kindern lediglich unzureichende Eltern sein (...) Wir können uns oft, bedingt durch persönliche Probleme, Erschöpfung oder andere individuelle Grenzen, unseren Kindern nicht so widmen, wie wir vielleicht gerne würden; häufig wissen wir nicht einmal, was der in unseren Armen liegende Säugling, der alle seine Stacheln aufstellende Jugendliche nun wirklich gerade braucht... (...) Wir können uns lediglich mit all unserer Kraft bemühen, unseren Kindern das Beste zu geben. Eine Garantie dafür, dass sie psychisch vollkommen gesund sein werden, wenn sie erwachsen sind, gibt es nicht."
Je sensibler ein Mensch ist, desto sensibler reagiert er auf Lebenskrisen, also auf Ereignisse, die im Leben kaum zu vermeiden sind. Das Erwachsenwerden, die Loslösung von den Eltern, der Auszug von zu Hause, die ersten Partnerschaften, die berufliche Ausbildung und der Einstieg in die Arbeitswelt usw. - dies sind Ereignisse, die uns alle oft überfordern und die bei besonders verletzlichen Menschen dazu führen können, dass sie diesen Sprung in die Eigenständigkeit nicht schaffen. Meist zeigen sich daher die ersten Anzeichen einer psychischen Störung in dieser schwierigen Übergangszeit von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Viele dieser Lebensereignisse sind natürlich mit dem familiären Zusammenleben verknüpft, daher ist die Familie oft der Ort des Geschehens. Entsprechend brauchen die Familien Unterstützung und nicht Verurteilung.

Ein mögliches Erklärungsmodell für psychische Erkrankungen

Grafik aus Bäuml, Psychosen aus dem schizophrenen FormenkreisDas "Vulnerbilitäts-Streß-Modell" ist eine mögliche Erklärung dafür, wie und wann es zum Ausbruch einer psychischen Erkrankung kommt.
Es besagt, dass Menschen, die sehr verletzbar (vulnerabel) sind, also eine dünnere Haut haben, in Stresssituationen stärker gefährdet sind, psychisch zu erkranken, als robuste, dickhäutige Menschen. Wie die Grafik zeigt, gibt es für uns alle einen kritischen Grenzwert für psychische Erkrankungen. Person A und C überschreiten diesen Grenzwert nicht, weil ihre Verletzbarkeit gering bis gar nicht vorhanden ist. Bei Person B kommt es trotz gleich hoher Stressbelastung wie bei A und B durch das Zusammentreffen mit seiner hohen Verletzbarkeit zum Erkrankungsausbruch.
                                                                                                             

(aus: Bäuml, Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis)